Koordinierungsstelle Frauen & Wirtschaft

Meist sind es Frauen, die für die Familie zu Hause bleiben und auf das lückenlose berufliche Vorankommen verzichten - und danach gilt es, die Herausforderung Berufsrückkehr zu meistern oder auch neue Wege in den Arbeitsmarkt zu finden. Gerade für Alleinerziehende ist diese Lebensphase zwischen den eigenen Bedürfnissen, denen der Kinder und Arbeitgeberansprüchen noch ein Stück anspruchsvoller und komplexer. An diesem Punkt setzt die Koordinierungsstelle Frauen und Wirtschaft an. Sie ist eine interkommunale Einrichtung in der finanziellen Trägerschaft des Landkreises Oldenburg und der Städte Oldenburg und Delmenhorst und wird als eine von 24 Koordinierungsstellen landesweit erheblich aus Landes- und EU-Mitteln gefördert. Die Mitarbeiterinnen beraten Frauen während oder nach der Elternzeit über ihre Möglichkeiten, erarbeiten Strategien und unterhalten Kontakte zu regionalen Arbeitgebern, um die Familienfreundlichkeit in Unternehmen zu fördern. Um einen genaueren Einblick in die Arbeit der Koordinierungsstelle Frauen und Wirtschaft zu erhalten, stand uns die Leiterin Claudia Körner-Reuter für ein Interview zur Verfügung.

Interview mit der Leiterin Claudia Körner-Reuter

Die Frauen, die zu Ihnen kommen haben ganz individuelle Laufbahnen. Wie beginnt so eine Beratung bei Ihnen?

Im Idealfall nimmt die Frau telefonischen oder persönlichen Kontakt mit uns auf und vereinbart einen persönlichen Beratungstermin. Dann ist es in der Regel so, dass die Kollegin schon darum bittet, zum Beratungstermin ihre Bewerbungsmappe mitzubringen.

Während der Erstberatung haben wir einen Fahrplan, den wir durchgehen und der eine Betrachtung der individuellen Lebenssituation und des beruflichen Werdegangs mit einschließt. Damit können wir dann gemeinsam aufgrund der Erfahrungen, Kompetenzen und Wünsche der Frau schauen, wohin es gehen kann und welche Unterstützungsbedarfe da sind.

Das bedeutet, Sie bieten eine längerfristige Unterstützung?

Genau. Die Beratung ist kostenfrei, vertraulich, ganzheitlich. Das Erstgespräch dauert ca. eine Stunde, das ist ein gutes Zeitfenster für eine Beratung. Unsere Arbeit so angelegt, dass wir die die Frau über einen längeren Zeitraum begleiten können. Die Folgegespräche sind dann auch alle kostenfrei.

Wann ist Ihre Aufgabe erfolgreich abgeschlossen, wann endet die Begleitung?

Das bestimmt die Frau, wann sie uns nicht mehr braucht. Das kann der Zeitpunkt sein, zu dem sie erfolgreich wieder in den Arbeitsmarkt eingetreten ist, wenn es gelungen ist, einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz zu bekommen oder bei dem alten Arbeitgeber nach Elternzeit den Wiedereinstieg hinzubekommen. Da wir aber heute in Zeiten leben, in denen die Lebensläufe von Wechsel begleitet sind, Arbeitsplätze bei einem Arbeitgeber nicht mehr unbedingt für 30 Jahre bestehen, mehrere Kinder im Lebenslauf die Berufstätigkeit unterbrechen, kann es sehr gut sein, dass die Kundin uns über die Jahre immer mal wieder in Anspruch nimmt.

Oder wenn Frauen sich -aus welchen Gründen auch immer - beruflich nochmal verändern wollen, was nicht unbedingt nur etwas mit Familienphase zu tun hat, kann sie sich auch im Rahmen einer Berufsbegleitung an uns wenden. Das heißt, die Kundin kann immer wieder in den verschiedenen Lebensphasen unseren Rat in Anspruch nehmen.

Dann haben Sie also auch ganz treue Kundinnen?

Ja, manche Frauen begleiten wir über die Jahre immer mal wieder. Zum Beispiel, dann, wenn sich gerade der Arbeitsplatz verändert oder wegfällt oder er einfach auch nicht mehr passend ist oder sich die Frau irgendwann überlegt noch einmal in eine andere Richtung gehen zu wollen, dann ist das häufig ein guter Zeitpunkt, damit wieder zu uns zu kommen.

Sind (alleinerziehende) Frauen mit Lebensläufen, die nicht ganz so geradlinig bis brüchig sind und vielleicht in der Mitte des Lebens noch einmal ganz von neu starten wollen, bei der Koordinierungsstelle richtig?

Diesen Rahmen kennen wir aus der Beratungspraxis gut: Dann geht es vielleicht darum, in eine Erstausbildung oder Umschulung (auch in Teilzeit) zu gehen, sich beruflich nochmal ganz neu aufzustellen oder einen Quereinstieg in ein neues Berufsfeld hin zu bekommen. Wir helfen bei der Orientierungsarbeit, Zieldefinition und Wegfindung. Der Lebenslauf ist heutzutage nur selten lückenlos und auf einen Arbeitgeber beschränkt, egal ob alleinerziehend oder nicht, übrigens auch bei vielen Männern nicht.

Hier beraten wir auch dahingehend, erst mal den Lebenslauf anzuschauen, berufliche Erfahrungen, Potenziale, soziale Kompetenzen, z.B. auch aus der Familienarbeit, zu ermitteln und so aufzubereiten und lesbar zu machen, dass die Lücken nicht nur nachteilig gelesen werden.

  1. Wann macht es Sinn, das Alter der Kinder zu nennen, wann eher nicht?
  2. Muss ich überhaupt meinen Familienstatus mit in den Lebenslauf rein schreiben?
  3. Welche Informationen will ich dem künftigen Arbeitgeber noch mitteilen?
  4. Zum Beispiel: Wie ist die Betreuung meiner Kinder geregelt?
  5. Gibt es alternative Betreuungsmodelle wie eine Großelternlösung?

Es sind also auch strategische Fragen Bestandteil eines jeden Beratungsgespräches, da gibt es keine Generallösungen. Darum geht’s.

Das bedeutet, dass Ihre Arbeit gerade für komplexe Fälle wichtig ist?

Ja, absolut! Lebensentwürfe, Arbeitswelt und gesellschaftliche Rahmenbedingungen sind heute sehr komplex. Als wir 1998 gestartet sind, hatten wir andere gesellschaftliche Parameter. Die haben sich in den letzten Jahrzehnten schon verändert, das merken wir in den Beratungen und den nachgefragten „Themen“: So sah zum Beispiel eine typische „Beratungsfrau 1998“ aus: Sie war 35 bis 40 Jahre alt, hatte zwei Kinder, war verheiratet, Bürokauffrau und wollte nach 10 bis 15 Jahren wieder auf den Arbeitsmarkt zurückkehren. Der Arbeitsplatz hatte sich aber in dieser Zeit erheblich verändert und technisiert.

Da war die Anschlussqualifzierung mit EDV-Know-how zentral für einen gelingenden Wiedereinstieg. Wir konnten jede Menge EDV-Kurse für den Erwerb des europäischen Computerführerscheins füllen und die Teilnahme fördern. Dieses Konzept passte einfach für viele Wiedereinsteigerinnen, die in den Beruf der Bürokauffrau zurückkehren wollten. Das hat sich heute sehr verändert. Das heißt, Frauen, die in Elternzeit gehen, unterbrechen ihre berufliche Laufbahn zum einen Teil nur sehr kurz, ein oder zwei Jahre. Dann ist auch häufig eine problemlosere Rückkehr ins Erwerbsleben möglich, weil die Lücke nicht so groß ist.

Für dieses Modell entscheiden sich sehr viele Frauen, weil es eine größtmögliche Sicherheit bietet – finanziell gesehen, aber auch, um den Arbeitsplatz zu halten. Diese Frauen kommen gar nicht unbedingt zu uns, weil der Weg relativ klar, die Frau gut informiert ist und die Vereinbarkeit beim bisherigen Arbeitgeber umgesetzt werden kann. Die Frauen, die zu uns kommen, haben häufig vielschichtige Fragestellungen, für die wir auch ein bisschen länger brauchen, um passgenaue Lösungen zu finden. Dazu gehört vielleicht das Nichtvorhandensein einer Ausbildung oder es ist zwar eine Berufsausbildung da, aber es fehlt die Berufspraxis vor der Unterbrechung, dann geht es auch nicht unbedingt auf diesem Weg zurück in den Beruf. An der Stelle sowieso lohnt es sich manchmal darüber nachzudenken, ob es nicht Sinn macht, etwas Neues anzugehen. Oder es ist eine Akademikerin mit Kindern und Teilzeitwunsch, die nur offene Vollzeitstellen wahrnimmt – ein Problem.

Sind das dann nicht häufig Frauen, die vom Jobcenter oder der Agentur für Arbeit bei der Berufsrückkehr unterstützt werden? Gibt es da eine Kooperation zwischen Ihnen und Jobcenter, bzw. Agentur für Arbeit?

Ja, es gibt eine langjährig gewachsene sehr gute Zusammenarbeit zwischen den Arbeitsbehörden und uns, besonders mit den Beauftragten für Chancengleichheit und aktuell den neuen Wiedereinstiegsberaterinnen der Bundesagentur für Arbeit. Wir raten unseren Kundinnen, die Unterstützungsmöglichkeiten verschiedenster Akteure auch zu nutzen.

Die Koordinierungsstellen beraten natürlich auch Kundinnen der Jobcenter und Arbeitsagenturen mit Bezug von Arbeitslosengeld I oder II. Unser Projekt richtet sich aber in der Hauptsache an Berufsrückkehrerinnen, die nicht im Leistungsbezug sind. Die Arbeitsbehörden verfügen ja über vielfältige Förderinstrumente, z.B. längere Orientierungsmaßnahmen und Wiedereingliederungsprogramme, die wir nicht vorhalten, was auch gar nicht unsere Aufgabe ist. Hier bauen wir Brücken, sind eher begleitend unterwegs und nehmen Aufgaben der Weiterbildungsberatung wahr.

Originär kümmern wir uns um die sogenannte stille Reserve der Berufsrückkehrerinnen, die eben nicht im Leistungsbezug ist. Wir unterstützen diesen Kundinnenkreis z.B. mit einer finanziellen Förderung kleinerer beruflicher Anschlussqualifizierungen oder dem Erwerb von beruflichen und persönlichen Kompetenzen mit dem Weiterbildungsscheck. Der Scheck hat derzeit einen Wert von bis zu 300 Euro bei kleinem Eigenanteil.

Sind das dann nicht häufig Frauen, die vom Jobcenter oder der Agentur für Arbeit bei der Berufsrückkehr unterstützt werden? Gibt es da eine Kooperation zwischen Ihnen und Jobcenter, bzw. Agentur für Arbeit?

Wir sind natürlich kein klassischer Personaldienstleister, aber wir führen einen Überbetrieblichen Verbund „Frauen und Wirtschaft“, dem zur Zeit 75 öffentliche wie private Unternehmen angeschlossen sind. Diese Betriebe arbeiten zu den Themen „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ und „betriebliche Frauenförderung“ zusammen und können sich an uns wenden, wenn sie Fachkräftebedarf haben.

Auch hier bauen wir Brücken und zwar zwischen den Unternehmen und unserem Beratungsklientel. Die Frauen kommen ja mit ihren Bewerbungsunterlagen zu uns und es gibt häufig einen längeren Zeitraum, in dem wir die Kundinnen kennen lernen können. Das ist ein großer Vorteil für beide Seiten, weil wir darüber im Einzelfall eine sehr passgenaue Vermittlung hinbekommen. Ich muss aber dazu sagen, dass das nicht unsere Hauptaufgabe ist. Immer dann, wenn sich ein Unternehmen an uns wendet, gehen wir in die Vermittlung.

Der Weg ist nicht so, dass die Kundinnen immer individuell an die Betriebe vermittelt werden, denn dafür haben wir auf der Angebotsseite gar nicht die Entsprechung. Dennoch sind darüber schon sehr gute und nachhaltige Verbindungen entstanden.

Sehen Sie in Ihrer Arbeit einen Unterschied zwischen alleinerziehenden Frauen und Nicht-Alleinerziehenden? Also von Seiten der Frauen, sowie von Seiten der Unternehmen?

Unser erstes Ziel ist es, Frauen, egal, ob alleinerziehend oder in Partnerschaft, so auszustatten, dass sie finanziell eigenständig stehen können und ihnen nachhaltig eine Teilhabe am Erwerbsleben möglich ist. Alleinerziehende haben es schon insgesamt schwerer, denn sie tragen allein die Lasten der Kindererziehung und Haushaltsführung sowie auch die alleinige Verantwortung für das Familieneinkommen.

Das hat natürlich Konsequenzen. Der Schritt ins Erwerbsleben hat häufig eine andere, auch finanzielle Dringlichkeit. Auch die Anforderungen nach Flexibilität, die der Arbeitsmarkt erfordert, hat für Alleinerziehende noch eine andere Dimension. Im Wettbewerb um die Stelle beim jeweiligen Unternehmen sind Pauschalaussagen sicher schwierig. Aber man kann schon davon ausgehen, dass es Alleinerziehende in Bewerbungsverfahren eher schwerer haben.

Alleinerziehende sehen sich bei einer Bewerbung häufig auf schlechterer Position. Haben Sie einen Ratschlag, wie man mit dem Status „alleinerziehend“ am besten umgeht?

Wir sind in der Beratung sehr dafür, damit offensiv an den Arbeitgeber zu gehen. Die Frage ist vielleicht zu welchem Zeitpunkt die Offensive starten sollte. Für viele Stellen gibt es erst einmal eine große Hürde, die zu nehmen ist, bevor man in der engeren Wahl ist. Spätestens dann sollte man den persönlichen Rahmen auch offen legen. Wenn man diesen Rahmen im Unklaren lässt, ist das sicherlich keine gute Basis. Bevor es an die konkrete Bewerbungsarbeit geht, passiert in der Beratungsarbeit aber schon sehr viel.

  • Das heißt, wir überlegen erst mal „wie ist denn der Rahmen?“
  • und dann gucken wir: Reicht dieser Status für einen potentiellen Arbeitgeber aus?
  • Wie viele Stunden kann ich wirklich arbeiten?
  • Wo ist meine Schmerzgrenze?
  • Wie viel Flexibilität kann ich einbringen?
  • Wenn es noch nicht genug ist, wie kann ich das noch optimieren?
  • Wo bekomme ich noch verlässliche Zeiten her, wo Unterstützung?

Wenn man da gut und klar aufgestellt ist und sein Plus-Minus-Modell für sich klar hat, dann glaube ich, ist es auch ein erfolgreicher Weg an einen Arbeitgeber zu gehen. Der Status „alleinerziehend“ ist ja nicht per se negativ. Denn Alleinerziehende bringen häufig Kompetenzen mit, die auch für ein Unternehmen wertvoll und gefragt sind: Sie sind es z.B. gewöhnt, sich durchzuboxen und Verantwortung zu übernehmen.

Deshalb geht unsere Beratung in Richtung Stärkung und zu gucken, was positiv in die Bewerbung einzubringen ist und dieses Positive bei der Kundin im Bewusstsein zu stärken. Klarheit und auch das Dahinterstehen und sich mit Überzeugung verkaufen, das ist, natürlich neben der rein fachlichen Qualifikation, der größte Erfolgsfaktor überhaupt. Ich glaube nicht, dass der Familienstatus von Haus aus entscheidend ist.

Würden Sie dazu raten, die Betreuungssituation schon im Anschreiben zu klären?

Ich kann das nicht verallgemeinern, das ist sehr vom Einzelfall und von der Bewerbung abhängig. Es gilt, genau zu schauen, was das für ein Unternehmen ist, wie die Mitarbeitenden ticken, was das Unternehmen braucht, wie das Umfeld ist. Daraufhin versuchen wir, die Bewerbung zuzuschneiden und das in Verbindung mit den Möglichkeiten der Bewerberin zu bringen.

Das Benennen der Betreuungssituation mag in einem Fall sehr richtig sein, aber in einem anderen kann es auch falsch sein. Manchmal macht es Sinn, z.B. das Alter der Kinder im Lebenslauf zu erwähnen, manchmal nicht. Das würden wir ungern generalisieren wollen. In der Beratung ist das Anschreiben unbedingt Thema. Da braucht man eine Mischung aus einem ganz feinen Gespür, Zuschnitt auf die Kundin und sehr viel Erfahrung in dem Bereich.

Es gehen auch immer mehr Männer in Erziehungszeiten, Einrichtungen passen sich der Entwicklung an und so wird z.B. das Frauenbüro zum Gleichstellungsbüro. Da die Koordinierungsstelle aus der Frauenförderung entstanden ist: Dürfen Männer zu Ihnen kommen?

Natürlich. In Ausnahmefällen können wir auch Männer begleiten, wenn sie einen vergleichbaren Rahmen haben. Das bedeutet, sie haben ihre Berufstätigkeit aus Gründen der Erziehung oder auch aus Gründen der Pflege von Angehörigen unterbrochen, dann haben sie ganz ähnliche Problemlagen und können von uns unterstützt werden. Leider sind das bisher immer noch Einzelfälle.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sollte kein Problem allein der Frauen sein! Das ist doch immer noch ein gesamtgesellschaftliches Problem mit überwiegend negativen Konsequenzen für die Chancengleichheit im Erwerbsleben von Frauen. Das kann nicht unserem Interesse entsprechen, weil wir ja mehr Partnerschaftlichkeit und beidseitige Verantwortung in der Verteilung von Familienaufgaben möchten.

Wir erleben auch, dass Männer sehr wohl mehr Anteile am Familienleben, dem Begleiten von Erziehungsaufgaben oder auch die Übernahme von Aufgaben in Bezug auf Pflege von Angehörigen haben möchten. Das kann auf Dauer nur funktionieren, wenn sich die Aufgaben besser verteilen.

Aber der Name „Koordinierungsstelle Frauen und Wirtschaft“ wird bleiben?

Ja, der bleibt und trifft im Wesentlichen auch den Kern.

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