Das Wechselmodell

Wenn Eltern sich trennen, leben die Kinder fortan bei einem Elternteil und hegen zum anderen Besuchskontakt. Das ist der Weg, für den sich Eltern, aber auch Gerichte üblicherweise entscheiden - doch es geht auch anders:
Beim so genannten Wechselmodell (auch Doppelresidenzmodell oder Pendelmodell) leben die Kinder zu möglichst annähernd gleichen Zeitanteilen abwechselnd bei der Mutter und beim Vater. Anstelle des Gefühls, einen Elternteil zu verlieren, kann das System „Familie“ größtmöglich erhalten bleiben und beide Eltern können mit allen Vor- und Nachteilen mit den Kindern im Alltag leben. Die Zeiträume können und sollten individuell gehalten werden und können von wenigen Tagen, über Wochen bis hin zu Wechselmonaten reichen.
Was zunächst gerecht und nach Kindeswohl klingt, will allerdings gut überlegt sein. Die Entscheidung für ein Wechselmodell zieht Konsequenzen nach sich, die auf den ersten Blick leicht übersehen werden und nicht jede Familie oder Situation erfüllt alle Voraussetzungen für ein gutes Gelingen. Im Zweifel sollten sich Eltern bewusst machen, dass die Beziehung zu den Kindern mehr von qualitativer Zeit als von Quantität profitiert.

Voraussetzungen

Das Wechselmodell bedingt Vertrauen, Zutrauen, Kooperations- und Kommunikationsbereitschaft der Eltern, denn immerhin lebt das Kind zum großen Teil beim Anderen.  Der- oder diejenige wird erzieherisch manches anders handhaben, Alltagsentscheidungen alleine treffen und Konflikte mit den Kindern auf seine Weise lösen. Was Elternpaare ausfechten müssen, wird im Wechselmodell durch die räumliche Trennung nicht mehr zwingend bis zum Kompromiss ausdiskutiert, sondern im Zweifel von Jedem auf seine Weise getan. Jeder Elternteil muss deshalb der Erziehungsfähigkeit des anderen vertrauen und bereit sein, in  einer positiven Grundhaltung mit dem Anderen zu kooperieren.
Außerdem bringt der ständige Wechsel einiges an Organisations- und Kommunikationsarbeit mit sich. Beim Wechsel des Wohnraums muss der eine Elternteil den anderen über wichtige Ereignisse, Termine,  Veranstaltungen der KiTa/Schule, Befindlichkeiten des Kindes etc. informieren, Ferien, Urlaube, Klassenfahrten… wer übernimmt wann was zu welchen Teilen? Entspricht dies unserem Wunsch? Geht es dem Kind damit gut? Geht es uns damit gut? Eine abgehalfterte Kommunikation, die sich lediglich auf das Nötigste beschränkt, ist für ein gut funktionierendes Wechselmodell zu wenig.
Und dann ist da noch die Frage nach dem Wunsch des Kindes. Je älter das Kind ist, umso mehr sollte es in die Entscheidungen einbezogen werden. Die Eltern sollten sich aber auch fragen: Ist es wirklich der Wunsch des Kindes? Oder möchte es lediglich niemanden enttäuschen? Oder fühlt es sich gar verpflichtet? Der ständige Wechsel von Bezugspersonen, Örtlichkeit und Tagesabläufen ist nicht für jedes Kind gemacht und auch ein Stück weit Charaktersache. Kindern unter drei Jahren sollte man das Wechselmodell ohnehin nicht zumuten. Hier kann das Nestmodell eine Alternative sein, bei dem das Kind wechselseitig in einer festgelegten Wohnung betreut wird.
Ist die Entscheidung für das Wechselmodell gefallen, muss allen Beteiligten klar sein, dass Lebensumstände sich durch z.B.  neue Arbeitsstellen, Schulwechsel, Umzüge, neue Partner oder das Alter des Kindes verändern. Jederzeit kann es passieren, dass das Wechselmodell jetzt nicht mehr passt oder vom Kind ernsthaft nicht mehr gewünscht wird. Letzteres geht häufig mit der Pubertät einher, wenn die Kinder sich zunehmend abnabeln und ihren Lebensmittelpunkt bei den Freunden sehen. Das Wechselmodell kann in dieser Situation, besonders  wenn Wege  von einem Elternteil zu Freunden weiter oder unerreichbar sind, zum Stressfaktor werden und im Kind eine innere Zerrissenheit auslösen. Im Optimalfall wohnen die Eltern so dicht beieinander, dass mit dem Wechsel der elterlichen Wohnung kein Wechsel des kindlichen Umfelds einhergeht.

Vor Gericht

Bei gerichtlichen Auseinandersetzungen über Kinderbetreuung und Umgangskontakt, bevorzugen Gerichte in Deutschland derzeit das Residenzmodell. Die Kinder leben beim betreuenden Elternteil und halten regelmäßigen Kontakt zum Umgangselternteil. Das Wechselmodell kann sich bisher als Regel nicht in der Rechtsprechung durchsetzen, da u.a. ein positives Miteinander aller Beteiligten als Voraussetzung angesehen wird. Der Versuch, eine wechselseitige Betreuung gerichtlich durch zu setzen, dürfte deshalb aller Wahrscheinlichkeit nach scheitern. Dennoch sind die Grenzen zwischen Residenz- und Wechselmodell  fließend. Im Optimalfall würde die Kinderbetreuung im Wechselmodell 50:50 aufgeteilt, praktisch ist dies aber selten umsetzbar. Von Bedeutung werden diese Abgrenzungen ohnehin erst, wenn es um Dinge wie Unterhaltszahlungen geht.
Sind die Eltern sich einig, dass sie das Kind gleichermaßen erziehen und betreuen möchten, wird ein Gericht  dennoch nicht die konkrete Betreuungsregelung übernehmen. Dies bleibt  Aufgabe der Eltern. Wohl aber ist es möglich, das Wechselmodell als Vergleich zwischen den Parteien zu schließen. Was auf der einen Seite ein guter Kompromiss mit Aussicht auf Erfolg sein kann, ist auf der anderen Seite ein Papier mit Rattenschwanz, denn Änderungen am Wechselmodell, weil es z.B. für eine neue Situation nicht mehr passend ist, kann dann wiederum nur ein Gericht beschließen.

Mehrkosten

Kinder in zwei Haushalten zu betreuen, bedeutet doppelte Kosten, da nicht alle Dinge aufteilbar sind oder hin und her transportiert werden können. So benötigen beide Elternteile ausreichend Wohnraum, was  mit einer höheren Mietbelastung einhergehen kann. Auch Kinderbekleidung, Kindermöbel, Spielzeug etc., also rund alles, was zum Alltag der Kinder gehört und ein persönliches „zuhause“ ausmacht, muss zweifach vorhanden sein und mit steigendem Alter der Kinder zweifach erneuert werden . Je nach Dauer des Wechselintervalls, macht es auch Sinn, Schulbücher oder Sportausrüstung in beiden Elternhäusern vorrätig zu haben und in manchen Fällen kann auch die doppelte Ausstattung für das Hobby ins Gewicht fallen. Zu den Kosten zählen aber auch finanzielle Einbußen, wenn wegen der Kinderbetreuung die Arbeitszeit reduziert oder eine zusätzliche Betreuung gezahlt werden muss. Letzten Endes kann das Wechselmodell für beide Elternteile bedeuten, dass die Kosten steigen, während das Einkommen sinkt. Es ist dringend anzuraten, diese Aspekte vor dem Schritt ins Wechselmodell konkret zu überdenken und mit dem anderen Elternteil zu klären.

Kindergeld, Lohnsteuerklasse und Leistungsbezug

Ist das Kind mit Wohnsitz bei beiden Elternteilen gemeldet (nur Haupt- und Nebenwohnsitz möglich),  wird es von beiden Elternteilen annähernd zu gleichen Zeitanteilen betreut und gelten beide Elternteile als alleinerziehend, müssen die Eltern sich einigen, wer das Anrecht auf den Entlastungsbeitrag für Alleinerziehende erhält. Nur wer den Entlastungsbeitrag für Alleinerziehende erhält, kann auch Lohnsteuerklasse 2 beantragen. Die Auszahlung des Kindergeldes kann ebenfalls nicht geteilt werden und bedingt eine Einigung der Eltern, an wen es ausgezahlt wird. Gibt es Schwierigkeiten bei der Einigung, sieht der Gesetzgeber vor, dass derjenige Elternteil den Entlastungsbeitrag erhält, an den auch das Kindergeld ausgezahlt wird.
Der Alleinerziehendenmehrbedarf bei Leistungsempfängern hingegen ist teilbar und wird bei hälftiger Betreuungszeit entsprechend zur Hälfte an jeden Elternteil ausbezahlt. Sozialgeld und Arbeitslosengeld II  für das Kind wird nach exakten Aufenthaltstagen bei den Eltern berechnet. Wohngeld können bei fast gleicher Betreuungszeit beide Elternteile beantragen und das Kind hier als Haushaltsmitglied angeben.

Unterhalt

Die Zahlung von Kindesunterhalt ist im Wechselmodell das schwierigste und strittigste Thema. So individuell die zeitliche Betreuung der Kinder organisiert werden muss, so individuell sind auch die Kosten und Zahlungsfragen zu klären. Hierzu fehlen zurzeit  noch offizielle Richtlinien und auch die Düsseldorfer Tabelle ist nur bedingt hilfreich, da sie auf dem Residenzmodell basiert.
Im einfachsten Fall ist die finanzielle Situation beider Elternhäuser so gut, dass über die Mehrkosten des Wechselmodells großzügig hinweg gesehen werden kann. Finanziell gut abgesicherte Eltern tun sich und den Kindern ggf. einen Gefallen, das Geldthema auf sich beruhen zu lassen und damit einen der größten Konfliktpunkte zu meiden. Für alle anderen Eltern gilt es, auszudiskutieren oder einem Gericht die Entscheidung zu überlassen.
Einige Eltern möchten der Fairness halber auf gegenseitige Unterhaltsansprüche verzichten. Dies ist aufgrund der Individualität jedes Falles und der durch Kindergeld, Entlastungsbeitrag und Lohnsteuerklasse II unter Umständen entstehenden Schieflage nicht nur unklug, sondern im Zweifel auch vor Gericht nicht haltbar, da den Unterhaltsanspruch nicht der Elternteil, sondern das Kind hat. Wird das Wechselmodell nicht annähernd zu gleichen Zeitanteilen praktiziert, sondern das bestehende Umgangsrecht lediglich großzügig ausgelebt, ändert sich an der Höhe des Barunterhalts nichts. Es obliegt im Zweifel einem Gericht, die Entscheidung darüber zu treffen, ob im konkreten Fall von einem Wechselmodell gesprochen werden kann und welcher Elternteil dem anderen wieviel Barunterhalt  für das Kind schuldet. Handelt es sich tatsächlich um ein Wechselmodell, entfällt allerdings der Anspruch auf Unterhaltsvorschuss.
Eine Möglichkeit, gerichtliche Auseinandersetzungen zu vermeiden, kann es sein, ein „Unterhaltskonto“ anzulegen. Die Elternteile ermitteln einerseits den Bedarf des Kindes, andererseits ihre eigene Leistungsfähigkeit  und einigen sich schließlich auf zwei Barunterhaltsbeträge, die sie auf das Unterhaltskonto überweisen. Von diesem Konto können Überweisungen wie Vereinsbeiträge oder Betreuungskosten, sowie nach Absprache der Eltern Kosten für Kleidung, Schulmaterial, Freizeit etc. unabhängig vom Aufenthaltsort des Kindes gedeckt werden.


Dieser Artikel ersetzt keine ausführliche und individuelle Beratung durch eine/n Rechtsanwalt/-anwältin oder Mitarbeiter/innen der Fachberatungsstellen. Alle Angaben sind ohne Gewähr.

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